Unüberhörbar

UN-ÜBER-HÖRBAR

„Ich hatte das Klingeln erst nicht gehört; erst, als es ein zweites und drittes Mal klingelte, öffnete ich die Tür. So schnell wie er einen Fuß in der Tür hatte, konnte ich gar nicht reagieren. Als ich sah, wer vor der Tür stand, wich mir das Blut aus dem Gesicht. „Long time no see, Darling,“ raunte er mir zu. In dem Moment war mir klar, dass ich den ungebetenen Gast so schnell nicht wieder loswerden würde. Woher kam er so schnell wieder? Dass wir uns verabschiedet hatten, lag doch eine ganze Weile zurück. Was wollte er von mir? Ich dachte, ich hätte ihm verständlich gemacht, wer Recht ist. Für ihn schien es jedenfalls kein Hindernis zu sein, dass ich bereits von Karl Besuch hatte, der sämtliche Zimmer meines Hauses in Beschlag hielt. Alles Abwimmeln und Argumentieren half nichts: er zog wieder mit Gepolter und ohne jede Rücksicht bei mir ein.“

So empfand ich, als ich heute im Büro saß und mein langjähriger Begleiter „Selbstzweifel“ wieder bei mir einzog. Ungefragt! Einfach so! Ich weiß nicht, warum er sich ausgerechnet jetzt breit macht: ein Spielchen meines Unterbewusstseins? Ein vager Versuch von Karl abzulenken? Warum auch immer: es nagt an mir. Nagt an dem, von dem ich glaubte, dass es solchen Attacken Stand halten würde. Auf einmal wieder die alten Gedanken: „Du kannst nichts“, „Das was du tust ist wertlos“, „Stell dich nicht so an“,…

Seitdem ein unerbittlicher Kampf. Mit Waffen, die ich im Kampf gegen Karl verschossen habe. Was bleibt? Mein Herz…und das werde ich keinem von beiden als Sieges-Trophäe überlassen!!!

Liebe

Liebe Franzi,

jetzt endlich haben wir uns live kennengelernt und ich möchte dir etwas hier lassen von unserem Tag. Etwas woran du dich erinnern kannst. Ich möchte dir erzählen, was wir gemeinsam gemacht haben und worüber wir gelacht haben. Ich möchte dir das alles hier noch einmal erzählen, weil es dir schwer gefallen ist, dich daran zu erinnern. Dann kannst du es lesen, wann immer du magst.

Deine Mama hat mich vom Bahnhof abgeholt und obwohl wir uns nicht kannten, haben wir uns sofot erkannt. Es war ein Blick und wir wussten es. Wie als ob es so sein sollte.

Deine Mama war sehr aufgeregt, hat sie dir das erzählt? Aber sie hat sich so sehr für dich gefreut. Sie hat sich gefreut, weil für dich ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist und ich frage mich nun tatsächlich, was du ihr alles von mir erzählt hast.

Es war so schön, deine Freude zu sehen, als du aufgewacht bist und ich an deinem Bett saß. Deine Umarmung, war so fest und so eng. Ich hätte dich am liebsten nie wieder losgelassen. Obwohl wir uns bisher nur über unsere geschrieben Worte kennen, wussten wir sofort, worrüber wir reden sollten. Es war vertraut. Offen, als ob wir uns schon Jahre kennen würden. Du hast mit Komplimenten um dich geworfen als gäbe es kein Morgen. Komplimente für die Schneeflocken, die Halskette und auch mein Top. All das hat dir gefallen. Du hast mich genau angeguckt und es kam mir so vor, als würdest du alles an mir ganz fest in deinem Herzen speichern. Das war ein wundervolles Gefühl.

Wir haben uns über die Halskette unterhalten, die ein Geschenk meines Ex-Freundes war und wir fanden es beide so seltsam, dass viele ein komisches Gefühl haben, wenn sie Schmuckstücke, die sie während einer Beziehung geschenkt bekommen haben, danach noch weiter tragen. Wir waren uns einig, dass es vollkommen ok ist, diesen Schmuck zu tragen, weil er eben eine schöne Erinnerung ist.

Du hast mir auch genau von deinen Geschwistern erzählt, in welchem Zimmer wer aufgewachsen ist und das du aktuell in dem Zimmer schläfst, in dem dein Bruder gelebt hat. Du hast mir erzählt, dass du findest es sei das ruhigste und schönste Zimmer, das Zimmer das du sehr magst und in dem du dich sehr wohl fühlst. Du hast mir auch erzählt, wie ihr alle die Zimmer getauscht habt, als einer nach dem anderen ausgezogen ist. Ich habe mich sofort gefühlt, als würde ich deine Familie kennen. Es war dir so wichtig, mir all das zu erzählen und ich habe es sehr genossen dir zuzuhören.

Du hast das Buch ausgepackt, dass ich dir mitgebracht habe. Die Grüße aus dem Universum. Du hast gelacht, weil es wunderbar ist, weil es lauter kurze Texte enthält, weil du dich auf lange Sachen gerade nicht so gut konzentrieren kannst. Wir haben gemeinsam im Buch geblättert und ich habe dir wie versprochen vor gelesen. Erinnerst du dich noch, worum es ging?

Der Gruß aus dem Universum, den ich dir vorgelesen habe lautete: Du wurdest schon immer von allen geliebt. Auch wenn sie gerade dabei sind, es zu begreifen, dass sie dich lieben.

So in der Art… und du hast gesagt. Da ist etwas wahres dran. Und du hast recht. Da ist etwas wahres dran!

Ich hoffe, du findest noch mehr solche Grüße und du merkst, wie sehr du geliebt wirst.

Du wolltest danach unbedingt aufstehen und vom Balkon gucken. Es hat dich so gefreut, dass die Sonne geschienen hat. Wir standen gemeinsam auf dem Balkon und haben in den Garten geschaut. Du hast die warmen Sonnenstrahlen genossen, auch wenn du dann einen kurzen Stopp im Bett eingelegt hast, weil dein Kreislauf nicht so ganz wollte. Weißt du noch was ich dir gesagt habe?

Ich habe gesagt: Vielleicht bist du ja ein kleiner Vampir, der einfach nur keine Sonne verträgt. Und dann hast du gelacht, weil du das so lustig fandst.

Erinnerst du dich auch, dass wir dein „zweites Frühstück“ – deine Medikamtente mit Humor genommen haben?

Als du deine Sachen zusammen gesucht hast, weil du dich umziehen wolltest meintest du..

Hm.. ich muss etwas buntes anziehen, sonst gibt es wieder Ärger, weil ich aussehe wie eine graue Maus.

Dabei hattest du die leuchtendsten Socken an, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Du hast mir erzählt, dass du sie von einer lieben Freundin geschenkt bekommen hast und ich war so begeistert, weil es gestrickte Sneakerssocken waren. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Erinnerst du dich auch an die BH Geschichte? 😉 Die führe ich hier nicht weiter aus, das bleibt unser süßes Geheimnis.

Im Bad haben wir einen kurzen Stopp auf dem Fussboden gemacht. Ich habe mich zu dir gelegt und wir haben Fantasietiere in der Holzdecke gesucht. Wir haben den gepunkteten Bauch meines dicken Katers Harry gefunden un den Tigerfell-Rücken von Sally, die gerade auf meinen Füßen liegt. Wir haben gelacht, weil wir einmal eine andere Perspektive gesehen haben. Dinge entdeckt haben, auf die man sonst nicht achtet. Vielleicht sollten wir alle öfter ein mal nach oben gucken? Du hast mir auch von der Stadtführung erzählt und dass die Führerin euch immer wieder tolle Dinge an Häusern gezeigt hat, die weit oben waren und auf die man sonst nie achtet. Du hast dich gerne daran erinnert und dich gefreut, dass du das erlebt hast.

Wenn du in deiner Erzählung den Faden verloren hast, habe ich dir ein Stichwort gegeben und du hast weiter erzählen können. Das fandst du wunderbar.. du hast mich als deine Souffleuse bezeichnet. Ich bin gerne deine Souffleuse! 🙂 Und ich hatte keine Schwierigkeiten dir zu folgen.

Immer wieder bist du mir um den Hals gefallen und ich habe mich so gefreut dir all die Umarmungen zu geben, die ich dir lange versprochen habe. Ich hoffe sie halten lange an. Erinnere dich daran! 🙂

Bald erzähle ich dir mehr von meinem Besuch… Jetzt ist der Text schon wieder so lang und ich hoffe, er ist nicht zu lang und du kannst ihm folgen.

Lies ihn sooft du magst.. immer dann, wenn du das Gefühl hast, du wärst alleine. Denn dann sage ich dir: Du bist nicht alleine. Du hast wundervolle Menschen um dich herum und ich bin so froh, dass ich deine wunderbaren Eltern einmal kennengelernt habe. Ich habe soviel Liebe in ihren Augen gesehen.

Lies ihn und erinnere dich, dass du soviel gelacht hast und soviel Gutes und Schönes entdeckt hast, obwohl es dir nicht gut ging. Schmunzle, über den dicken Katerbauch im Badezimmer, unsere Ansichten über den Schmuck von Ex-Freunden, den Zimmertausch und die Ruhe und Geborgenheit, die du erfährst.

Mein Herz, ich habe dich sehr lieb und unsere Zeit zusammen, war für mich ein Highlight im Leben.

 

Tränen.

Sie quälen. Sie reissen an meinem Herz. Sie lähmen.
Tage. Stunden. Sekunden.

Sprache meiner Angst. Sprache meiner Wut. Sprache meiner Verzweiflung.

Doch manchmal sind sie stumm. Wollen nicht sprechen.
Wollen nicht sprechen, aber doch gehört werden.
In dem Moment glaube ich das alles nicht zu überstehen.
In dem Moment wächst der Druck ins Unermessliche.

Bis ich sie zum sprechen bringe. Ich muss sie ein paarmal dazu auffordern. Ich muss eine Bühne für ihren Auftritt bauen. Sie benehmen sich wie eine Diva, die hofiert werden möchte. Ich kann es ihnen nicht verübeln, wie oft habe ich sie einfach weggeschickt und unterdrückt.

Dann sind sie da, wollen gar nicht mehr aufhören. Da reden sie ohne Punkt und Komma, lassen kaum Zeit, um Luft zu holen.
Dann finden die Angst, die Verzweiflung, die Wut endlich ihre Sprache wieder: Tränen.

Ich heiße sie willkommen, höre Ihnen zu, frage, was sie mir sagen wollen, lasse das Taschentuch in der Tasche, lasse Ihnen freien Lauf, lasse sie einfach fließen,…. Und merke, wie endlich wieder Ruhe einkehrt: in meinem Herz. In meinem Kopf. In meinem Körper. Die Spannung fällt ab und ich kann endlich wieder Luft holen.“

Seit Tagen schaffen sie es nicht. Seit Tagen stauen sie sich an. Seit Tagen quälen sie mich. Sie nagen innerlich an mir. Wie sehr wünsche ich gerade, einfach weinen zu können. Wie sehr wünsche ich gerade, dass die Tränen einen Weg nach draußen finden.

Nach außen muss es wohl so aussehen wie immer. Doch in mir tobt ein Kampf. Tausend Schlachten auf einmal. Ich mittendrin. Obwohl ich doch längst gefallen bin. Ich möchte mich einfach am Rande hinlegen, es mir nicht ansehen müssen, wie der Kampf immer weiter geht. Statt dessen liege ich weiterhin mitten auf dem Schlachtfeld und stecke Hieb um Hieb ein. Der Schmerz noch tiefer. Die Angst noch größer.

Und hoffe,….dass der Alptraum endlich ein Ende hat.

 

Wie tief kann tief sein, wenn ich falle?

Im Kopf:“ich bin eine Last‘, „ich bin zuviel“, „ich überfordere alle“,…
Im Herz: Angst, Angst, Verzweiflung, Schmerz, Wut, Angst, Angst noch mehr Menschen zu verlieren, Angst zu sterben,…
Im Körper: unerträgliche Schmerzen, Übelkeit,… Der Punkt ist wieder da. Verzweiflung, Angst und Schmerzen bis zum Anschlag.
Der Punkt an dem ich nicht weiß, wielange ich das noch ertragen kann……..

Doppelt haltlos.

Mittendrin. Bunt. Lebendig. Angekommen. Endlich Leben.

Zwei Fremdwörter später und alles ist anders.

Außen vor. Schwarz. Tod. Ruhelos. Kurz vorm Tod.

Ich bin am Boden zerstört. „Es geht nicht tiefer!“ denke ich und versuche die Angst und den Schmerz wegzuwischen.

Ein paar Wochen später und mir reißt es den Boden, auf dem ich zerstört liege, unter den Füßen weg. „Tiefer. Immer tiefer. Haltlos. Bodenlos!“ denke ich, schließe die Augen und stehe Hand in Hand mit der Angst und den Schmerzen, einen Millimeter vor dem Abgrund.

„Zwick mich mal!“

Alptraum. Ich habe meine Augen geschlossen.
Schwarz. Dunkel.
Ich schlage die Augen hoffnungsvoll auf. Doch was ist das? Wieder Schwarz. Dunkel.
„Kneif mich bitte mal!“
Schwarz. Dunkel.
„Bitte schüttel mich mal durch!“
Es bleibt schwarz. Und dunkel.
Ich begreife.
Ich bin wach.
Realität.
„Das ist jetzt so.“
„Das schaffst du schon.“
„Kopf hoch.“
„Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben.“
Schwarz. Dunkel.
Die Angst und die Schmerzen rauben den letzten Sauerstoff.
Die Hoffnung erstickt…Stück für Stück.
Erschöpft und müde schließe ich die Augen. Energie sparen. Es ändert sich ohnehin nichts: es bleibt schwarz. Und dunkel.

Es gab zum Glück Entwarnung für mein Bein: das CT hat zwar gezeigt, dass es ordentlich eingeblutet hat, aber es geht ohne OP! Nur schade, dass ich den Nervenstimulator vorzeitig wieder abgeben musste. Das waren 6 Tage in einer Lebensqualität, wie ich sie ewig nicht mehr hatte. Einmal hab ich sogar eine Nacht durchgeschlafen, das hatte ich seit dem Unfall 2012 nicht mehr. Ich habe vor Freude geweint, als ich morgens aufwachte. Ich bin sehr froh, dass ich gestern Abend auf mein Bauchgefühl gehört habe und den Arzt aufgesucht habe. Irgendwie arbeiten wir beide, mein Körper und ich, doch ganz gut zusammen. Wäre ich erst heute morge hin, hätte es böse ausgehen können.
Leider gibt es auch negative Nachrichten: die lokale Chemo hat nicht angeschlagen. eigentlich wäre die nächste erst in 1 1/2 Wochen, aber nun muss ich schon am Freitag wieder antreten. Ich weiß gerade nicht mehr, wo ich die Kraft hernehmen soll, das auszuhalten. Ich wünschte, es wäre alles etwas leichter!….federleicht…ablenken funktioniert auf einmal nicht mehr, die Angst, die Schmerzen,…schlagen nun mit voller Wucht zu…und ich fühle mich dem schutzlos ausgeliefert…ich muss da durch…es gibt keine andere Option! Das muss ich alleine tragen. Ich weiß nicht, wielange ich das noch kann… Ich mach die Augen wieder zu. Es strengt alles so an.

Und jeden Tag von neuem…

Jede Erinnerung an dich, kratzt Spuren in den Lack meines Herzens. Hinterlässt rostige Wunden, die nicht heilen wollen.

Jedes Foto, auf dem du lachst, erscheint wie Hohn.
Jeder Tag ohne ein Wort von dir, schürt Zweifel am Ernst deiner Worte.
Schürt Zweifel, was ich je für dich war.

Du umarmst das Leben.
Ich ringe mit dem Tod.

Du atmest frei.
Mit schnürt es immer weiter die Luft ab.

Dein Traum lässt dein Herz höher schlagen.
Mein Alptraum bringt meines zum Stillstand.

Jeden Tag. Von neuem. Bis…..?